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Die Michael-Gaismair-Gesellschaft

Die andere Seite der Tiroler Gesellschaft

Die Michael-Gaismair-Gesellschaft besteht nun seit über 25 Jahren. Ziel der Gesellschaft war und ist es, in Tirol eine kritische Gegenstimme zu sein, die andere Seite der Tiroler und Südtiroler Geschichte und Gesellschaft aufzuzeigen, die nur allzu oft verdrängt und verschwiegen wird. Verdrängung ist vor allem das Vokabel für den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Tirol. Die einseitige Erinnerungskultur prägt aber nicht nur die jüngere Geschichte – die Person Michael Gaismairs ist ebenso beispielgebend dafür. So wurde nicht der in den Bauernkriegen gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit kämpfende Gaismair zum „Landeshelden” erhoben, sondern der für Katholizismus, Gegenaufklärung und Nationalismus stehende Andreas Hofer.

„Tirolität” als Aus- und Eingrenzungsmechanismus

Auch heute werden kritische Strömungen und Traditionen im Land totgeschwiegen – als „untirolerisch&rdquo nicht zu Politik und Geschichte des Landes gehörig betrachtet. Bezeichnenderweise wurde in der Tiroler Politik der Begriff der „Tirolität&rdquo geprägt, freilich ohne dessen Inhalt näher zu erläutern sondern ihn vielmehr voraussetzend. Jedem „echten Tiroler” wäre ohnehin klar, was er bedeute.
Klar ist auch, dass Frauen in diesem Diskurs nicht oder nur am Rande zur Sprache kommen, sind sie zwar einerseits wichtige Komponente in der Debatte um die „Nation” – als ihre biologischen Reproduzentinnen – , so sind sie doch andererseits – aufgrund der „weiblichen Leichtfertigkeit&rdquo, – nie als ihre „geistigen Schöpfer” (Väter?) vorgesehen oder als „kompetent” erachtet worden. In dieser von „Männlichkeit”, Katholizismus und (auch regionalem) Nationalismus geprägten Atmosphäre werden sich dagegen auflehnende oder davon abweichende Haltungen und politische Praxen als „untirolerisch”, unmännlich diffamiert.

Tirol ist nicht nur das Eine

Tirol hat aber nicht nur eine bäuerliche Kultur, Schützenfeste und Musikkapellen. Tirol hat auch eine lebendige „Frauenszene”, die sich im politischen, sozialen und bildungspolitischen Bereich engagiert. Tirol hat eine kritische alternative Kulturszene jenseits der Präsentation eines traditionellen Tirolbildes und Tirol hat eine Vielzahl von Initiativen, die sich für und mit den aus dieser Gesellschaft Ausgegrenzten engagiert.
Die Michael-Gaismair-Gesellschaft will mit ihren Aktivitäten, seien es die Gaismair- Jahrbücher, die Schriftenreihe „Tiroler Studien zu Geschichte und Politik” sowie die Veranstaltung von Diskussionen zu aktuellen politischen Themen den ausgegrenzten Teil der Tiroler Geschichte und Gesellschaft und damit die widerständigen oder einfach anderen Traditionen sichtbar machen.
Der Südtiroler Dichter Norbert C. Kaser – „Einer, der auszog, um den Tiroler Adler zu rupfen”(1) – bemerkte einmal zur Süd-Tiroler Kultur: „Die Berge sind die Zäune des Weltbildes”. Wenn wir diese Zäune schon nicht abreißen können, so wollen wir doch Löcher in die Bretter machen um freien Blick zu verschaffen.

(1) Josef Haslinger: Einer, der auszog, den Tiroler Adler zu rupfen, in: ders.: Wozu brauchen wir Atlantis. Essays, Wien 1990.

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